Ihre Startseite konkurriert nicht mit den Startseiten Ihrer Wettbewerber. Sie konkurriert mit der Geduld Ihrer Besucher.
Viele Unternehmen beginnen mit demselben Instinkt: Wenn etwas wichtig ist, gehört es auf die Startseite. Die neue Dienstleistung. Das Auszeichnungs-Badge. Die Saisonaktion. Das Newsletter-Popup. Die Live-Chat-Blase. Für sich genommen ist jede Ergänzung vertretbar. Zusammen verwandeln sie ein klares Angebot leise in ein Rätsel.
Im vorigen Artikel haben wir gesehen, wie der Halo-Effekt es einer schönen Oberfläche erlaubt, Glaubwürdigkeit für alles dahinter zu borgen. Kognitive Last ist die andere Seite derselben Medaille. Eine Seite kann wirklich attraktiv sein und trotzdem scheitern, denn Schönheit entscheidet, ob jemand drei Sekunden bleibt, und geistige Anstrengung entscheidet, ob jemand drei Minuten bleibt.
Was kognitive Last tatsächlich bedeutet
Die Theorie der kognitiven Last wurde in der pädagogischen Psychologie von John Sweller formalisiert, in einem Aufsatz von 1988 in Cognitive Science. Die Prämisse ist unspektakulär, aber unerbittlich: Das Arbeitsgedächtnis hat nur eine geringe Kapazität, und jedes Element, das um Aufmerksamkeit konkurriert, schöpft aus demselben begrenzten Vorrat.
Usability-Forschende übertragen dieselbe Idee direkt auf Benutzeroberflächen. Kathryn Whitenton von der Nielsen Norman Group definiert sie so: „Die kognitive Last, die eine Benutzeroberfläche erzeugt, ist die Menge an mentalen Ressourcen, die zur Bedienung des Systems erforderlich ist“ (Übersetzung; Nielsen Norman Group, 2013).
Zwei klassische Befunde schärfen den Punkt. George Millers Aufsatz von 1956 schätzte bekanntlich, dass Menschen etwa sieben Elemente im Kurzzeitgedächtnis halten können, und Nelson Cowans Übersichtsarbeit von 2001 argumentierte später, dass der tatsächliche Wert niedriger liegt: „eine einzige, zentrale Kapazitätsgrenze von durchschnittlich etwa vier Einheiten“ (Übersetzung). Das Hicksche Gesetz, hervorgegangen aus W. E. Hicks Experimenten von 1952, beschreibt etwas, das für eine Startseite noch unmittelbarer relevant ist: Die Zeit, die jemand für eine Wahl braucht, wächst mit der Zahl der Optionen.
Schlicht gesagt: Jede Wahl, die Sie einer Seite hinzufügen, macht jede andere Wahl langsamer. Wer sich nicht entscheiden kann, quält sich nicht damit. Er geht — und schreibt die Reibung Ihrem Unternehmen zu, nicht Ihrem Layout.
Die drei Lasten, die auf Ihrer Seite konkurrieren
Nicht jede geistige Anstrengung ist Verschwendung. Das Nützliche vom Verschwendeten zu trennen macht dieses Thema handhabbar — statt zu einem Freibrief, wahllos Dinge zu löschen.
- Intrinsische Last — die nicht reduzierbare Schwierigkeit dessen, was Sie erklären. Eine Tragwerksplanung ist tatsächlich schwerer zu beschreiben als ein Kaffee-Abo. Diese Last lässt sich nicht entfernen, nur gut sequenzieren.
- Extrinsische Last — Aufwand, der rein durch die Darstellung entsteht: konkurrierende Handlungsaufforderungen, kontrastarmer Text, unbeschriftete Icons, sieben Menüpunkte mit überlappender Bedeutung. Das ist die Last, die es anzugehen gilt.
- Lernbezogene Last — die produktive Anstrengung, die jemand tatsächlich darauf verwendet, Ihr Angebot zu verstehen und sich selbst bei der Nutzung vorzustellen. Senken Sie die extrinsische Last, und genau diese füllt den frei gewordenen Raum.
Das Ziel war nie eine minimalistische Website. Das Ziel ist eine Seite, auf der das schwere Denken Ihrem Wertversprechen gilt statt Ihrer Benutzeroberfläche.
Fünf Anzeichen, dass Ihre Startseite überladen ist
- Sie können die Hauptaktion nicht benennen. Gibt Ihr Team drei verschiedene Antworten auf „Was soll ein Besucher zuerst tun?“, haben Ihre Besucher keine Chance, es richtig zu erraten.
- Zwei oder mehr Buttons konkurrieren visuell above the fold. Wenn alles betont ist, hat die Seite überhaupt keine Betonung.
- Ihre Navigation hat sieben Punkte überschritten. Menüs wachsen meist durch Abteilungspolitik, nicht durch Kundenbedarf.
- Der Hero-Bereich erklärt Ihr Geschäft in Fachjargon. Kann ein kompetenter Außenstehender Ihr Angebot nach fünf Sekunden nicht wiedergeben, dekoriert dieser Satz, statt zu arbeiten.
- Etwas unterbricht, bevor irgendetwas verstanden wurde. Ein Popup, das erscheint, bevor das Wertversprechen ankommt, ist eine Steuer, die vor jeder Leistung eingezogen wird.
Wie Sie die Last senken, ohne den Wert zu senken
Kognitive Last zu senken ist überwiegend ein Sequenzierungsproblem, kein Löschproblem. Fast nichts muss wirklich verschwinden; das meiste muss nur später kommen, wenn der Besucher einen Grund hat, sich dafür zu interessieren.
- Legen Sie sich auf eine primäre Aktion pro Bildschirm fest. Eine sekundäre Aktion ist erlaubt, muss aber sekundär aussehen. Gewicht, Farbe und Größe sollten Priorität ehrlich kodieren.
- Staffeln Sie Details. Spezifikationen, Zertifikate und Sonderfälle gehören auf Seiten, die man erreicht, wenn man bereits interessiert ist — nicht in den ersten Eindruck.
- Gruppieren Sie Zusammengehöriges bewusst. Nähe und gemeinsamer Stil lassen das Auge ein Cluster als ein Objekt verarbeiten statt als sechs getrennte Forderungen.
- Beschriften Sie Ihre Icons. Ein unbeschriftetes Icon verlangt eine Übersetzung, bevor gehandelt werden kann. Diese Übersetzung ist reine extrinsische Last.
- Respektieren Sie etablierte Muster. Ein Logo, das zur Startseite führt, und ein Warenkorb oben rechts kosten nichts an Lernaufwand. Neuartigkeit in der Navigation gehört zu den teuersten Designentscheidungen überhaupt.
- Schreiben Sie den Hero-Satz für einen Außenstehenden. Einfache Sprache ist keine Abwertung von Anspruch, sondern eine Verlagerung der Anstrengung vom Leser zu Ihnen.
Warum sich das im Umsatz zeigt
Überladene Seiten scheitern selten laut. Der Traffic sieht gesund aus, die Verweildauer wirkt womöglich sogar ordentlich, und nichts im Analytics-Dashboard meldet ein Problem. Was tatsächlich passiert, ist leiser: Zögern im Entscheidungsmoment, ein Abdriften zum Zurück-Button und ein langsames Versickern qualifizierter Besucher, die interessiert waren, aber nie sicher wurden.
Dieses Versickern ist genau deshalb teuer, weil es unsichtbar ist. Sie verlieren nicht die Leute, die ohnehin nie gekauft hätten. Sie verlieren jene, die bereit waren, sich überzeugen zu lassen, und den roten Faden nicht fanden.
Die Daten zeigen in dieselbe Richtung. In einer Zusammenfassung der Forschung eines Teams um Chao Liu bei Microsoft Research — 205.873 Webseiten und mehr als zwei Milliarden gemessene Besuchsdauern — schrieb Jakob Nielsen 2011: „Nutzer verlassen Webseiten oft nach 10–20 Sekunden, aber Seiten mit einem klaren Wertversprechen können die Aufmerksamkeit der Menschen deutlich länger halten“ (Übersetzung). Wer es eilig hat, hat laut demselben Artikel nur Zeit, ein Viertel des Textes der besuchten Seiten zu lesen (Nielsen Norman Group).
Klarheit ist nicht das, was nach dem Löschen übrig bleibt. Sie ist das, was entsteht, wenn jedes verbliebene Element eine Aufgabe hat.
Ein Zehn-Minuten-Audit für heute
Öffnen Sie Ihre Startseite auf dem Smartphone. Stellen Sie einen Timer auf fünf Sekunden, schauen Sie auf den Bildschirm, blicken Sie dann weg und beantworten Sie aus dem Gedächtnis drei Fragen: Was macht dieses Unternehmen? Für wen ist es? Und was ist das eine, was ich als Nächstes tun soll?
Bitten Sie dann drei Menschen außerhalb Ihrer Branche, genau dasselbe zu tun. Weichen die Antworten voneinander ab, liegt das Problem nicht an Traffic, Budget oder Markt. Es liegt an der Zahl der Dinge, die Ihre Seite einem Fremden gleichzeitig im Kopf abverlangt.
Das ist kein abstraktes Risiko. Als wir die Website von Shahrab neu gebaut haben, einem Hersteller von Polymerrohren und Fittings, war nie die Menge des Materials das Schwierige — fünf Produktmarken, technische Datenblätter, herunterladbare Kataloge —, sondern all das in einer einzigen kohärenten, navigierbaren Struktur zu halten, statt die Website in ein Labyrinth zu verwandeln. Navigierbar wurde sie, weil die Struktur dem folgte, wie das Unternehmen tatsächlich verkauft: Regionale Vertretungen erfassen und verfolgen ihre Aufträge über eigene Konten, sodass jeder Besucher nur den Teil des Katalogs zu sehen bekommt, der gerade relevant ist.
Bei CloudTart beginnt jedes Website-Redesign mit einem Audit der bestehenden Architektur, und kognitive Last gehört zu den ersten Dingen, die man prüfen sollte. Wenn Ihre Startseite hart arbeitet und trotzdem schlecht konvertiert, kontaktieren Sie das CloudTart-Team für einen genaueren Blick.
Quellen
- John Sweller (1988). “Cognitive Load During Problem Solving: Effects on Learning.” Cognitive Science, 12(2), 257–285. doi:10.1207/s15516709cog1202_4
- George A. Miller (1956). “The magical number seven, plus or minus two: Some limits on our capacity for processing information.” Psychological Review, 63(2), 81–97. doi:10.1037/h0043158
- Nelson Cowan (2001). “The magical number 4 in short-term memory: A reconsideration of mental storage capacity.” Behavioral and Brain Sciences, 24(1), 87–114. doi:10.1017/S0140525X01003922
- W. E. Hick (1952). “On the Rate of Gain of Information.” Quarterly Journal of Experimental Psychology, 4(1), 11–26. doi:10.1080/17470215208416600
- Kathryn Whitenton (2013). “Minimize Cognitive Load to Maximize Usability.” Nielsen Norman Group.
- Jakob Nielsen (2011). “How Long Do Users Stay on Web Pages?” Nielsen Norman Group.